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Montag, 16. November 2015

Pilgerwandern ...



»Der Vorgang des Wanderns trägt zu einem Gefühl psychischen und geistigen Wohlbefindens bei.« (Bruce Chatwin)

Im Jahr 2011 nach meiner Pilgerreise nach Santiago schrieb ich einen Blog eben darüber. Zum einen war es für mich eine wunderbare Möglichkeit, das Erfahrene nochmals zu erleben und zum anderen für später zu dokumentieren. 
Ein Blog ist wie ein Tagebuch, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Diese – also die Öffentlichkeit – las dann auch in meiner Geschichte. Eine der Leserin war Anneliese. Sie schrieb mir irgendwann, dass sie - nicht nur, aber auch - durch meinen Blog den Mut fand, ihren Jakobsweg alleine weiter zu gehen (den sie bis dahin in Etappen mit einer Freundin gepilgert war, die nun nicht mehr mitkommen konnte).

In all den Jahren blieben Anneliese und ich über einen Mailaustausch verbunden. Als ich ihr dann irgendwann mal schrieb, dass ich hin und wieder in Laupheim bin, meinte sie, das sei doch bei ihr fast um die Ecke. Und brachte den Gedanken auf, dass wir doch mal zusammen ein Stück Jakobsweg laufen könnten, der ja hier praktisch vor der Haustür verläuft. Gesagt war das einfach, getan dann etwas schwieriger. Immer kam etwas dazwischen. Doch diesen Samstag war es endlich so weit. Wir hatten es nach all den Jahren tatsächlich geschafft, einen Termin zu finden. Da konnte nicht mal die nicht so gute Wettervorhersage die Vorfreude trüben …

Meine innere Uhr weckt mich rechtzeitig. Wie jeden Morgen. Aufstehen und ins Bad. Während ich warte bis Klaus auch fertig ist um mit Clyde Gassi laufen, packe ich meine Sachen zusammen: Fotoapparat, etwas zu trinken, Vesper … .
Noch schnell frühstücken. Dann werde ich doch fast etwas hektisch. Ich mag nicht gerne zu spät kommen und so bin ich dann um 8.40 Uhr unterwegs auf der B30 Richtung ‚Süden‘.
In Baindt verfahre ich mich etwas, bin dann aber vor halb zehn, wie verabredet, bei Anneliese. Ein kurzes erstes ‚beschnuppern‘. Wir kennen uns zwar schon ein paar Jahre, aber eben nur über das Internet, nicht persönlich. Aber sie weiß das ich eine ‚alte Kaffeetante‘ bin und so gibt es erstmal ein Tässchen Koffein, dazu eine Stück Tarte de Santiago. Den hatte sie gerade frisch aus Spanien mitgebracht. Sehr lecker, aber sehr süß. Doch ein bisschen Energiezufuhr schadet ja nicht, wenn man einen Wandertag vor sich hat.

Wir quatschen gleich munter drauf los, kennen uns eben doch schon etwas länger. Aber wir wollen ja ‚pilgern‘ gehen und so reißen wir uns wenig später vom Kaffeetisch los und machen wir uns auf den Weg. Das heißt erstmal auf die Straße, mit dem Auto nach Meckenbeuren. Hier tausche ich die Straßenschuhe mit meinen Wanderschuhen und wir ziehen los.

Erstes Ziel Brochenzell, das ja nur einen Kilometer weiter liegt. Aber in der hiesigen Kirche – das erinnere ich vom Sommer – gibt es eine Jakobusstatue, ein Buch für Einträge und einen Stempel. Und schon sind wir wieder unterwegs. Wir unterhalten uns so angeregt, dass wir plötzlich in einer Wohnstraße stehen, die in einer Sackgasse endet. Hm.
Zwei kleine Mädchen (5 und 3 vielleicht), die in einer Garageneinfahrt spielen, grinsen uns an. Die ältere «Was macht ihr?« – »Wir wandern.« – »Auf dem Jakobusweg?« – »Ja.« – »Ich weiß wo der lang geht!« – »Toll, dann kannst Du uns das ja zeigen.« – »Hier lang.« Sprach‘s und begleitet uns stolz zurück zu Kreuzung, wo wir den Abzweiger verpasst haben. Wir bedanken uns herzlich. Die kleinere der beiden ruft uns noch nach: »Ich weiß das auch!« Wie süß.

Hier sei angemerkt, dass der Jakobsweg hier wirklich gut und ausreichend ausgezeichnet ist und ein verlaufen fast unmöglich. So bleibt es auch den ganzen Tag.
Jetzt führt der Weg aus Brochenzell zunächst in ein Stück Wald. Der Boden ist zwar noch feucht, aber nicht nass. Außerdem ist alles von einer dicken Laubschicht bedeckt und somit gut zu laufen. 

Wir reden fast die ganze Zeit. Haben uns doch eine Menge zu erzählen. Natürlich auch ein Austausch über unsere Pilgerreisen, aber auch über alle möglichen anderen Dinge. Mailen ist schon toll, aber so persönlich sprechen, das ist doch noch mal etwas anderes.
So vergeht nicht nur die Zeit schnell, auch merke ich kaum, wie wir vorwärtslaufen.

Unseren zweiten Stempel holen wir uns heute in Unterteuringen. Hier ist an einer ‚Straßenecke‘ ein Jakobs-Bildstock. Umgeben von einer hübschen Steinmauer, mit dem Hinweis es sei noch etwa 2001 km bis Santiago, ein paar Erklärungen und einem Fach mit einem Büchlein. Dieses ist allerdings ist schon lange nicht erneuert worden, Einträge von 2001 und teilweise sind die Seiten auch übergekritzelt. Aber es gibt einen Stempel und eine Bank, die wir für ein Päuschen nutzen. Anneliese erzählt noch, als sie hier vor gut 10 Jahren entlang ging, war hinter dem Bildstock noch eine Wiese. Jetzt steht ein modernes Haus dort und die Statue ist irgendwie ‚eingequetscht‘ und kaum sichtbar – schade.

Bald laufen wir weiter. Nun nicht mehr im Wald, sondern zwischen Obstplantagen und Felder. Die angrenzenden Wiesen sehen noch richtig grün aus. An den Bäumen aber ist der Herbst deutlich zu erkennen, sie sind meist schon kahl.
Doch es ist herrlich zum Laufen. Die Temperatur angenehm mild für November und es ist trocken.


Ein Herr Soundso, der selber Jakobswegpilger ist, hatte irgendwann beschlossen, dass es auf dem Weg hier zu wenig Ruhemöglichkeiten gibt. In einer ehrenamtlichen Aktion wurden dann im Frühjahr/Sommer 2015 an zwei Stellen neue Rastmöglichkeiten eingerichtet. Zum Einen ist dies die ‚Marshallbank‘ einige Kilometer nach Unterteuring (der Name rührt von der Familie, auf deren Grundstück die Bank steht). Wir lernen später, dass hier auch eine Grenze verläuft, wohl die zwischen Württemberg und Baden.
Bescheidenheit ist nicht immer eine Zier, das ist mein Gedanke, bei der zweiten Ruhebank bei Oberleimbach. In großen Lettern prangt hierauf der Name ‚Kreidler‘, die Familie auf deren Grundstück sie steht, was auf einem Schild auch gleich als erstes angemerkt wird …  
Nun, gerade kommt die Sonne zwischen den Wolken hervor und wir nutzen die Bank für ein Pause. Sie liegt wirklich schön und so danken wir dann auch in Gedanken den großzügigen Spendern und Erbauern.

Anneliese meint, dass der Wegverlauf in 2004 nicht so schön war wie heute. Denn wir müssen wirklich selten an Straßen laufen oder diese überqueren.
So gelangen wir etwas später an einen schönen kleinen Weg entlang der Brunnisach. Hier hat der Künstler Jörg Bäßler 2010 aus einem Baumstamm eine Jakobus-Skulptur geschaffen. Es gibt wohl auch ein Wegebuch und einen Stempel. Nun, ersteres sehe ich nicht, letzteren nutzen wir natürlich.

Kurz vor Markdorf geht es nochmal ziemlich den Berg hinauf. Früher ist man hier an der Hauptstraße gelaufen, nun können wir von hoch oben einen Blick auf den in der Ferne glitzernden Bodensee werfen. Doch wir sind uns einig, ein Pilger würde für eine schönere Aussicht nicht unbedingt einen solch anstrengenden Umweg machen (vor allem wenn man nicht nur, wie wir, für einen Tag ein paar Kilometer läuft).

Im Ort scheinen uns dann an diesem Samstagnachmittag die Bürgersteige schon hochgeklappt. Die Läden geschlossen und es sind kaum Menschen zu sehen. Aber die St.-Nikolaus-Kirche ist offen und wir werfen einen Blick hinein. Jemand ist gerade dabei, die Orgel für das abendliche Konzert zu stimmen. Hört sich bisschen schräg an … 

Da wir noch Zeit haben, bis der Zug abfährt, machen wir uns auf die Suche nach einem Café. Dies – so habe ich schon oft festgestellt – ist gar nicht so einfach, wenn man sich nicht auskennt. Anneliese hat eine Idee: »Die Dame dort sieht aus, als würde sie gerne Kuchen essen, die frage ich jetzt.« Die Frau ist sehr freundlich und kennt tatsächlich eines. Sie weist uns den Weg. In dem überfüllten Café finden wir noch ein Plätzchen und bestellen jeder einen Milchkaffe, der sogar für meine Verhältnisse sehr stark ist.

Kurze Zeit später stehen wir am Fahrkartenautomat. Dieser mag meinen 20-Euro-Schein nicht annehmen, aber zum Glück hat Anneliese noch genug Kleingeld für die Fahrkarten. Wir stellen fest, hier richtig was los. Ich vermute laut, dass die jungen Leute alle nach Friedrichshafen wollen, schließlich ist es Samstag.
Wir bleiben nicht dort, sondern steigen in den Zug nach Meckenbeuren. Ich tausche die Wanderschuhe wieder gegen meine Turnschuhe, mit denen ich besser fahren kann.

Zurück in Baindt, wartet Heinrich, Annelieses Mann, schon mit dem Abendessen auf uns. Tafelspitz mit Kartoffeln und Meerrettichsoße und dazu Salat. Lecker, habe ich ewig nicht gegessen. Hungrig nach so einem Wandertag machen wir uns dankbar darüber her. Mir fällt es richtig schwer, dann irgendwann die schöne Unterhaltung mehr oder weniger abzubrechen. Doch gegen halb sieben verabschiede ich mich und fahre nach Laupheim zurück. Ein wunderschöner Pilgertag in sehr netter Gesellschaft. Ich freue mich auf eine Wiederholung. Und hoffe, das dauert nicht wieder 5 Jahre, bis wir einen Termin finden …

Donnerstag, 12. November 2015

Fundstück:



Direkt vor mir gerät ein Obdachloser ins Wanken und schlägt mit dem Schädel hart auf den Asphalt. Ich zerre ihn von der Straße. In seiner Manteltasche klimpern diese kleinen Schnapsfläschchen. Bevor ihn der Krankenwagen abtransportiert, reckt er seinen Arm empor, in der Hand hält er eins der Flachmännchen: »Da, Kumpel!«, nuschelt er.
Sag einer, es gäbe keine Dankbarkeit! (Franz-Josef Kirschner, Krefeld)



Foto: am Oberschwäbischen Jakobsweg, zwischen Oberdischingen und Schemmerberg

Freitag, 9. Oktober 2015

Groß-Reinemachen ...

... Schönes Wochenende und Bon Courage, wohin auch immer die Füße Euch tragen ...



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Mittwoch, 16. September 2015

Für die Camino-Sehnsüchtigen ...



Der Urlaub ist vorbei. Und wovon träumen wir nun? Na klar, von dem was wir erlebt haben, den Orten die wir gesehen haben; wir denken an die Menschen, denen wir begegnet sind; sehen die Bilder der wundervollen Landschaft und hören die kleinen Bäche rauschen; spüren noch die gelassenen Ruhe und den Weg unter den Füssen … und wir träumen ganz sicher von der nächsten Pilgerreise – auch wenn es bis dahin manchmal etwas länger dauert.

Um die Zeit zu überbrücken hätte ich da was für all die Camino-Sehnsüchtigen; einfach mal reinschauen bei http://wiebkebeyer.jimdo.com/neu-camino-fanshop




Donnerstag, 27. August 2015

Versuch eines Fazits ...




Unsere Pilgerreise ist zu Ende. Klaus meint, nachdem er meinen letzten Blogbeitrag gelesen hat: Wir waren viel zu kurz unterwegs! Nun, dann trifft unterbrochen es wohl besser. Auch ich bin mir sicher, dass wir es wieder tun werden, wie viele, die der Virus einmal gepackt hat. Ganz nach dem Motto: Das Ende einer Etappe ist nur der Anfang einer anderen…

Meine ‚Arbeit‘ beginnt ja oft erst dann, wenn die Reise zu Ende ist und ich meine Notizen aufarbeite. Was heißt Arbeit? Ich schreibe sehr gerne und es bringt mich nochmal ein bisschen auf den Weg zurück. An dieser Stelle übrigens ein ‚Danke‘ an die Leser, die zumindest virtuell ein Stück mitgelaufen sind. Gefreut habe ich mich auch über all die netten Kommentare. Vielen Dank dafür!

Während ich nun also die Notizen durchgelesen habe, kommen mir noch ein paar Dinge in den Sinn …

Natürlich habe ich einen kleinen Vergleich mit meinem großen Camino von 2011 gezogen. Okay, irgendwie ist es nicht wirklich zu vergleichen, denn die zwei  Pilgerreise könnten unterschiedlicher nicht sein:
Damals bin ich alleine, mitten im Winter losgezogen. War drei Monate unterwegs. Quer durch Frankreich und Nordspanien. Ziemlich unvorbereitet und recht ahnungslos. Habe sehr viel mit mir selbst gekämpft – innerlich und äußerlich.
Diesmal waren wir zu zweit, mit Hund. Dies mitten im Hochsommer, 6 Tage in Deutschland. Besser vorbereitet und eben wegen des Hundes mit vorbestellten Übernachtungsplätzen. Gelassener auf jeden Fall.

Und doch hatten die beiden Reisen durchaus Gemeinsamkeiten. Es fängt damit an, sich einfach auf den Weg machen. Zu Fuß der gelben Muschel auf blauem Grund folgen. Abstand nehmen zum Alltag, wieder ein bisschen näher zu sich selbst finden. Innehalten. Natur erleben, seine eigenen Grenzen kennenlernen … und alles was man benötigt auf dem Rücken tragend.

Apropos, wenn ich da schon beim Thema bin … Mir kam der Gedanke, hätte ich in 2011 gewusst, wie wenig Gepäck ich benötige, hätte ich mir wohl einiges an Schulterschmerzen erspart. Der Rucksack diesmal war rein vom Volumen her schon 20 l kleiner und nicht einmal ganz voll. Ich habe zu keiner Zeit das Gefühl gehabt, er drückt, belastet, ist zu schwer. Manchmal habe ich in überhaupt nicht gespürt, erst beim Abnehmen.

Meine Erkenntnis, für 4 oder 8 Wochen hätte ich auch nicht mehr Gepäck mitgenommen bzw. benötigt. Einzig, dass ich bei einer Pilgerreise im Winter nicht auf den großen warmen Schlafsack verzichten würde. 
 Ich erkenne aber auch, dass ich auf meiner ersten Pilgerreise einfach noch mehr Ballast zu tragen hatte, manches wohl auch nicht loslassen konnte. Dies gilt im übertragenen, wie im wörtlichen Sinn, denn das hat sich dann eben auch in meinem Gepäck widergespiegelt.

Eine gute Ausrüstung lohnt sich, so meine Meinung. Das heißt aber nicht, dass alles ‚High Tech‘ und teuer sein muss (der Preis sagt nichts über die Qualität aus). Aber z.B. Funktionskleidung ist etwas Sinnvolles. Alleine schon, weil sie leicht ist und schneller trocknet. Es gibt auch keine Pauschalempfehlung für Dinge wie Schuhe etc. Ich denke, dass muss jeder für sich herausfinden, ausprobieren.
 
Was unsere Erlebnisse betrifft, mit Hund zu pilgern … Der Wagen hat sich bewährt. Soviel ist sicher. Nicht nur war es eine Entlastung für Clyde, so dass er nicht die ganze Strecke laufen musste (er hat ja doch etwas kürzere Beine). Auch das er z.B. in Städten oder wenn der Weg an einer Straße entlang führt darin sicher aufgehoben ist. Auch kann sein Gepäck (Handtuch, Futter etc.) darin transportiert werden.
Die Hundeanhänger/ -wagen sind nicht besonders gefedert. Besser gesagt gar nicht. So hatte ich für seinen ‚Ferrari‘ eine Matratze besorgt. Diese ist aus festem Schaumstoff und genau an den Wagen angepasst (mit Platz um vorne eine Flasche Wasser ‚einzuklemmen‘). Vorteil ist zum einen natürlich die Polsterung und der Hund steht nicht auf dem nackten Boden. Zum anderen hat es den Effekt, dass Clyde höher sitzt. Und dann auch wirklich sitzt und nicht nur steht um rauszuschauen.

Es war schön ihn dabei zu haben. Doch es ist auch anstrengender. Der Wagen muss geschoben werden, was bei machen Abschnitten des Weges gar nicht so einfach war; ich sag nur Bachläufe und Treppen. Ganz zu schweigen von umgestürzten Bäumen, über die man den Wagen hieven muss.
Anstrengend ist es auch für den Hund. Er hat einfach nicht seine gewohnten Ruhepausen, die Umgebung ist ungewohnt und er versteht ja nicht wirklich was passiert. Und Clyde ist nicht mehr so ganz der Jüngste und die Hitze hat ihm doch sehr zu schaffen gemacht.
Mit Hund ist man gebundener. Soll heißen, die Übernachtungsmöglichkeiten sind eingeschränkter, auch Besuche in Kirchen oder im Supermarkt sind mit Hund meist nicht möglich. Wie gesagt, es war eine tolle Erfahrung ihn dabei zu haben, aber ob wir das nochmal tun, keine Ahnung …
Noch eine Anmerkung: der Wagen lässt sich mühelos zu einem Fahrradanhänger umbauen, wofür er weiterhin benutzt wird.

»Man muss es aushalten, denn am Ende ist man wohl nicht nur derjenige, der man war und ist und sein wollte, sondern auch derjenige, den die anderen sehen.«

Zu zweit unterwegs sein (okay zu dritt, aber in diesem Fall meine ich die beiden Menschen) ist definitiv anders als alleine. Ich gebe zu, mir hat manchmal die Einsamkeit gefehlt, um einfach meinen Gedanken in Ruhe nachhängen zu können. Oder alleine durch einen stillen Wald pilgern, nur den eigenen Schritten lauschen. Ganz bei mir sein und nur der eigenen inneren Uhr folgend.
Andererseits war es schön, das Erlebte gleich zu teilen. Das hat es dann vertieft, denn – so haben wir festgestellt – jeder sieht die Welt mit seinen Augen. Will sagen, oft hat Klaus Dinge gesehen oder wahrgenommen, die mir nicht aufgefallen sind – um umgekehrt. Das hat die Pilgerreise vielfältiger gemacht. Auch z.B. das ich nicht immer alleine entscheiden musste, welchen Weg ich gehe, wenn ein Wegweiser fehlte. Es ist ein intensiveres Zusammensein, 24 Stunden am Tag. Ich lerne Rücksicht nehmen, vielleicht Kompromisse eingehen und doch immer ich bleiben.

Was ich wirklich empfehlen kann: Wir hatten ein Handy für den Notfall dabei, aber das war die ganze Zeit im Rucksack ‚vergraben‘. Ansonsten kein Fernsehen, kein Radio, keine Telefonate, kein Internet. Einfach mal ganz und gar weg sein. Macht den Kopf frei …

Wie immer waren die Begegnungen auf dem Weg etwas Besonderes. Die unterschiedlichsten Typen von Menschen, die sich im normalen Alltag wahrscheinlich nicht begegnen würden. Und auch wenn jeder ein anderes Motiv hat, sich auf die Reise zu begeben, so streben wir alle einem Ziel entgegen. Und damit meine ich nicht nur im eigentlichen Sinn Santiago. Nein, eher das Unterwegs sein, das mit sich sein, das laufen und sich dabei sehen, wie weit reichen meine Kräfte – um sich am Ende des Tages zu freuen das Etappenziel erreicht zu haben. Sofort ist unter Pilgern eine Vertrautheit da, die ich sonst nur aus meiner Selbsthilfegruppe kenne. Das Verbindende ist wichtig, nicht das was trennt.

Und noch ein Gedanke zum Schluss: Das Reisen ist wie ein Leben im Zeitraffer. Alles passiert irgendwie superschnell. Auch wenn man zu Fuß unterwegs ist. Doch, all die Begegnungen, all die Abschiede und auch das Loslassen lernt man schneller. Man lernt sich selbst besser kennen und entdeckt viel Neues innerhalb und nicht nur außerhalb von seinem selbst. Man trifft die eigenen Gedanken, die irgendwann unterbrochen wurden, die verloren zu sein schienen und das denen neue Gedankenabläufe entstehen und uns jetzt zu dem machen können, was wir sind.
Auf einmal können wir uns daran erinnern, wie wir sind. Wir lernen immer mehr dazu, zum Beispiel, dass man Traurigkeit wunderbar in Dankbarkeit umwandeln kann.
So will ich nicht traurig sein, dass es vorbei ist, sondern bin glücklich, dass ich es erleben durfte.

 


In diesem Sinne: Ultreia – bis zum nächsten Mal irgendwo auf dem Jakobsweg...

Dienstag, 25. August 2015

Waldläufer ...



6.8.15 – Donnerstag; Weingarten nach Brochenzell


 Aufstehen, ins Bad, dann Clyde versorgen und Gassi gehen. Das Morgenritual. Anschließend, als Klaus dann auch so weit ist, ganz wichtig: frühstücken. Im Gasthof wird ein reichhaltiges Büfett angeboten, dass das Pilgerherz höher schlagen lässt. Aber vorweg muss ich erstmal einen Kaffee trinken und stelle sofort fest: der ist maximal noch als lauwarm zu bezeichnen! Ich kann am Morgen ohne Essen aus dem Haus, von mir aus auch im strömenden Regen, aber ohne eine ordentliche Tasse heißen Kaffees bin ich einfach nicht zu gebrauchen. Nachdem ich die Dame an der Theke höflich gefragt habe, ob wir einen heißen Kaffee bekommen können (was gar kein Problem ist), sehen wir, wie sie am Schaltknopf des am Büfett stehenden Kaffeeautomaten dreht. Da hat wohl irgendwas nicht gestimmt. Und keiner der anderen Gäste hat etwas gesagt. Ist doch irgendwie wieder typisch, lieber nimmt man den lauen Kaffee in Kauf und ärgert sich über den „schlechten Service“, als das man einfach mal nachfragt, warum …
Klaus freut sich, denn es gibt Pfannkuchen. Er meint: »Normalerweise esse ich die ja am liebsten mit Ketchup, aber es gibt wohl keinen …«. Ich muss mich bei dem Gedanken schütteln! Aber mir bleibt der Anblick erspart und er nimmt stattdessen von den verschiedenen Sorten der angebotenen Marmelade (die richtig selbstgemacht aussieht und sehr lecker ist).
Als wir dann endlich mit Frühstücken fertig sind, packen wir unseren Krempel zusammen.  Immerhin müssen wir uns heute nicht um eventuell nicht getrocknete Kleidung kümmern, denn wir haben gestern nicht gewaschen. Eines der schönsten Dinge an solch einer Reise ist es ja, dass sie nicht nach einem Tag endet. Das Wissen darum, morgen wieder unterwegs zu sein, bringt uns dazu, Kräfte zu mobilisieren, von denen wir vielleicht gar nicht wussten, dass wir sie haben.
Der Weg geht weiter und weiter. Das wird er auch, wenn ich ihn längst verlassen habe – und wenn ich wiederkomme.
Für uns ist ja leider heute schon unser letzter Tag auf dem Jakobsweg. Bei der Suche nach Unterkünften konnte ich am heutigen Etappenziel niemanden finden, der uns mit Hund aufgenommen hätte und ein Hotel gibt es nicht. So hatten wir beschlossen, eben einen Tag früher als ursprünglich geplant aufzuhören. Doch, wir lassen uns davon die Laune nicht verderben und tun so, als hätten wir noch Wochen auf Pilgerpfaden vor uns.

die Basilika von Weingarten
Das ‚tappen‘ meiner Zehen lasse ich heute auch weg. Die Blase schmerzt nicht und durch die Hitze war gestern das Pflaster ganz klebrig und unschön geworden. Die Druckstelle oberhalb der Ferse ist auch so gut wie nicht mehr spürbar. Ich wäre jetzt so richtig ‚eingelaufen‘ …

Draußen spüren wir jetzt schon, dass es heute wieder ein heißer Tag wird. Selbst die Morgenluft – vor allem hier in der Innenstadt von Weingarten – ist warm. Nun, wir haben genug Flüssigkeit ‚an Bord‘, also los.
Gestern hatten wir in der Nähe der Basilika einen Hinweis gesehen, wo der Jakobsweg weitergeht. Von dort laufen wir nun mehr oder weniger einmal um den Block, bis wir fast wieder vor unserem Hotel stehen. Toll. Kleiner Umweg. Wenn man das immer vorher so wüsste … Doch so früh an einem Wandertag, kann man sich über derlei Dinge noch amüsieren. Vor lauter rumalbern verpassen wir wohl ein Wegzeichen, bleiben stehen und überlegen, ob wir hier überhaupt richtig sind. Ein freundlicher Herr, der gerade vor uns einparken möchte, fragt aus dem Autofenster heraus: »Wohin möchten Sie denn? Suchen Sie den Jakobusweg?« Wir bejahen dies. Er daraufhin: »Wenn sie hier durch den Friedhof gehen, geradeaus durch, dann kommen sie oben wieder auf die Reutebühlstraße. Da ist auch der Jakobsweg.« Wie nett, vielen Dank! Auch wenn ich es schon kenne, überrascht mich die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen am Weg immer wieder aufs Neue.

Gut. Wir also durch den Friedhof. Clyde sitzt in seinem Wagen und schaut neugierig raus. Hoffe ja nur, da kommt jetzt keiner und motzt, weil wir den Hund mit auf das Friedhofsgelände nehmen, wo diese ja grundsätzlich verboten sind (wofür ich gar kein Verständnis habe, aber dies sei nur am Rande erwähnt). Auf der anderen Seite finden wir ein Tor, von wo aus ein kleiner Schotterweg mit Treppenstufen hinauf zu einer Kapelle mit Kreuzweg und der besagten Straße führt. Klaus ackert den Wagen hoch. Hierbei rüttelt es wohl so stark, dass eine Flasche mit Apfelsaftschorle herausfällt (die ‚Eingangsklappe‘ ist offen). Toll. Sofort merkt Klaus, als er sie aufhebt, dass die Plastikflasche wohl auf einen Stein geprallt ist und nun ein Loch hat, durch das das Schorle rausspritzt. Zum Glück habe ich gestern im Kaufland noch eine 1, 5 l Sprudelflasche geholt, die inzwischen halb leer ist und in die wir das kostbare Nass umfüllen können. Ich gehe zurück zum Friedhof, um meine klebrigen Hände zu waschen, begegne dem netten Herrn von vorhin und bedanke mich nochmal bei ihm.

Wir kommen langsam aus der Stadt Weingarten hinaus. Immer den Jakobswegzeichen folgend. Es geht den Berg hoch und hoch und hoch. Scheinbar endlos. Also ich bin ehrlich, den Abschnitt würde ich nicht gerne am Ende eines langen Wandertages laufen wollen. Doch jetzt am Vormittag sind wir noch frisch und munter und schaffen den Aufstieg (fast) ganz mühelos.
Endlich mehr oder weniger oben, gelangen wir in das Naherholungsgebiet der Stadt Weingarten, bzw. Ravensburg. Wunderschöne breite Waldwege und viele Bänke. Ich denke laut: »Irgendwie sind die einfach zu ungleich verteilt. Hier gibt es an jeder Ecke eine Bank, aber wenn wir eine suchen, dann ist weit und breit keine in Sicht.« - Sicherlich durch die Nähe der Stadt bedingt, sind hier schon eine Menge Leute unterwegs: Spaziergänger, Jogger, Wanderer. 

Und Pilger. Denn kurz vor Ravensburg holen Elisabeth und Christine uns bei einer Fotopause ein und bis in die Stadt gehen wir zu viert weiter. Wobei wir an deren Rand durch das Villenviertel kommen und die großen Häuser bestaunen. Wir drei Frauen machen uns allerdings auch Gedanken dazu, wieviel Arbeit das Putzen eben jener bedeutet … also so eine Drei-Zimmer-Wohnung reicht ja eigentlich auch aus, oder …

Ravensburg selbst erscheint uns laut und voller Autos. Was jedoch, als wir die Altstadt betreten, besser wird. Die beiden Damen müssen noch ins Tourismusbüro, um sich um eine Übernachtung am Bodensee zu kümmern. Wir schauen auf einen Stadtplan, der gleich neben dem Frauentor steht, und beschließen, zur Kirche St. Jodok zu laufen und dann aus der Stadt raus. Doch der Plan auf den wir schauen ist entweder total veraltet oder der Künstler hat seiner Fantasie hier freien Lauf gelassen. Jedenfalls stimmen die Straßenverläufe nicht so ganz mit der Realität überein. Mit anderen Worten, wir verlaufen uns in den Gassen der Innenstadt.
Es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis wir raus sind. Was auch daran liegt, dass wir noch nach einem Laden suchen um etwas zu trinken zu kaufen. Allerdings werden wir nicht fündig. Ich lese im Pilgerführer, dass wir am Bahnhof vorbei müssen. Nun, da gibt es meist einen Laden, der zumindest eine Flasche Wasser hat. Gesagt getan, wir gehen in die Richtung. Gleich neben dem Bahnhofsgebäude ist ein Bio-Supermarkt. Na, die müssten doch auch Getränke verkaufen. Tun sie, aber nur in Glasflaschen. Okay, umwelttechnisch vielleicht besser, aber wenn man zu Fuß unterwegs ist und sein ‚Hab und Gut‘ auf dem Rücken trägt, weniger effektiv. Letztlich gehe ich dann doch in den Bahnhofsladen. Zwar will die Frau dort meine leeren Flaschen nicht annehmen, aber immerhin erstehe ich zweimal 0,75l Wasser.

Die Wegweiser führen uns noch ein ganzes Stück durch Ravensburger Wohngebiete. Zum Glück gibt es einen Fuß- und Radweg, der nicht ganz direkt neben der Straße verläuft und zudem ein paar ganz hübsche Aussichten bietet – aber keine Schattenbank.
Die finden wir dann erst außerhalb der Stadt. Ein bisschen ausruhen und Kräfte sammeln.
Von hier geht es dann wieder ab in den Wald. Die Wege sind einigermaßen breit und vor allem gibt es Schatten. Etwas später pilgern wir für vielleicht zwei bis drei Kilometer an einem kleinen Bach entlang. Als wir an einem Waldparkplatz von diesem abbiegen müssen, stellt Klaus sich ins Wasser. Er sagt, es kühlt die Sohlen seiner Wanderschuhe. Das funktioniert wirklich, meint er. Auch Clyde kühlt sich die Sohlen, bzw. Beine.

Die Wege hier sind wirklich gut zu laufen und Zeichen und Hinweise reichlich vorhanden. Aber gegen Mittag macht sich doch ein wenig Erschöpfung breit. Denn, trotz des Schattens im Wald, ist es heiß und es gibt weder Bänke zum darauf sitzen, noch Wiesen zum darin liegen. Hin und wieder ein Halt, dass Clyde etwas trinken kann, aber ausruhen ist das nicht.
Doch auch hier hat der Jakobsweg so seine eigenen Gesetzmäßigkeiten. Er gibt einem was man braucht, wenn man es sich stark genug wünscht. Als wir nämlich schon fast so weit sind, uns einfach mitten auf den Waldweg zu setzten, gelangen wir an einen großen Wald-Grill-Rastplatz. Richtig schön! Die großen Bäume bieten reichlich Schatten, ein leichter Wind weht von der Lichtung her und es gibt Bänke und Tische. Jeder belegt gleich mal eine solche Bank. Etwas trinken, eine Kleinigkeit essen (wobei, mehr als ein Müsliriegel geht nicht, da ich irgendwie gar keinen Hunger habe) und dann lang ausstrecken. Herrlich.

Nach etwa einer Stunde machen wir uns wieder auf den Weg. Dieser führt uns laut Wanderführer erstmal auf einen breiten Forstweg, dann auf einen ‚Romantischen Weg‘ an einem Bach entlang. Was meint er nun wieder mit ‚romantischer Weg‘? Ist der besonders zugewachsen, uneinsichtig, schmal oder erdig? Ich befürchte schon das Schlimmste. Aber letztlich stellen wir fest, es ist einfach ein etwas geschwungener Waldweg, aber gut begehbar, bzw. befahrbar.
Bis da, wo dann im Pilgerführer steht: Radfahrer müssen ihr Rad hier kurz schieben bzw. tragen! – das ist verdächtig. … und ich frage mich, als wir an eben diese Stelle kommen, ob die Fahrräder hier überhaupt durchpassen. Vor uns ein Steg, der über den Bach führt. Prinzipiell nicht schlimm, wäre der Steg nicht extrem schmal, und man muss erstmal ein paar Stufen rauf, rüber, Stufen runter und dann einen Abhang hinauf. Klaus ist am Schwitzen, Clyde muss selbst laufen. Sehr romantisch, wirklich.

Die 12 km bis Hungersberg sind fast einsam und ich fühle mich wie ein Waldläufer (gleichwohl ich farblich, so in rot, nicht wirklich getarnt bin). Wir folgen dem gelb-blauen Muschelzeichen, die es hier zum Glück reichlich gibt. Kurz vor dem kleinen Ort dann, mitten im Wald und ohne Vorwarnung, eine Gabelung. Nach rechts Jakobswegwegweiser, ebenso nach links. Hm. Eine genauere Betrachtung des Schildes zeigt an, das rechts ein angeblich ‚schattiger Nebenweg‘, links der im Pilgerführer beschriebene Hauptweg verläuft. Der führt bald aus dem Wald hinaus und entlang einer kleinen Straße, so lese ich in meinem Büchlein. Hm. Was tun? Bei dem Nebenweg haben wir keinen Schimmer, wo der wieder auf den Hauptweg trifft. Hinweise hierzu fehlen gänzlich. Risiko eben. Letztlich entschließen wir uns dann den Hauptweg zu nehmen. Nach der Erfahrung der letzten Tage, ist es gut möglich, dass plötzlich keine Beschilderung mehr da ist und mit Hilfe des Wanderführers hat man doch zumindest einen Anhaltspunkt.

Gleich nach dem Ort Hungersberg, steht am Rande eines großen Bauernhofes eine kleine Pilgerkapelle; natürlich wollen wir einen Blick hineinwerfen. Wir müssen so oder so pausieren, Clyde ist total fertig und braucht dringend etwas Ruhe. Er legt sich im Schatten ins Gras und will von der Welt nichts mehr wissen. Ich kühle ihn ein wenig, indem ich sein Fell nass mache. Da sich unsere Wasservorräte auch dem Ende zuneigen, fragt Klaus den Bauern, der im Hof rumwerkelt, ob wir hier welches bekommen könnten. Wir können und Klaus füllt alle leeren Flaschen.

Nach ca. 15 Minuten habe ich den Eindruck, dass Clyde sich etwas erholt hat. Ich mache noch sein ‚Halstuch‘ nass bevor er wieder in seinen Wagen einsteigt. Wir müssen jetzt leider noch ein Stück an einer kleinen, zum Glück wenig befahrenen, aber sehr heißen Landstraße laufen.
Gegen Ende der Etappe führt der Weg uns dann ein Stück am Flüsschen ‚Schussen‘ entlang. Klaus hält vergeblich Ausschau nach einem geeigneten Platz, an dem er seine Füße ins kühle Nass hängen, bzw. wo Clyde baden könnte. Aber nichts zu machen. Die Uferböschung ist ziemlich dicht und hoch und es gibt einfach keinen Zugang. Also weiter den Grasweg entlang.
Plötzlich sehen wir etwa 100 m vor uns zwei Zelte stehen und ein paar Männer, die auf Bierkisten hocken. Das heißt Clyde hat sie zuerst bemerkt, bzw. deren Hund. Sind wir hier noch richtig? Der Weg ist kaum zu erkennen und warum sollten die mitten auf dem Wanderweg zelten? Gleichwohl, die wissen das vielleicht nicht? Wir gehen vorsichtig weiter. Tatsächlich, der Weg führt hier entlang und die Typen campen mitten darauf. Na dann, Prost.

Und endlich, Ankunft in Brochenzell, unser heutiges Etappenziel und das Ende unserer diesjährigen Pilgertour. Erstes Ziel, die kleine St. Jakobus-Kirche des Ortes. Hier gibt es, was wir nun schon häufiger gesehen haben, einen Aufkleber mit dem Stempel für Pilger (wahrscheinlich haben zu viele nicht so nette Menschen den Original-Stempel als Andenken gesehen und entwendet und die Stadt war es leid ihn zu ersetzen). Auch ein Buch um ein paar Gedanken loszuwerden liegt aus. Das nutze ich und bedanke mich bei unseren Schutzengeln, dass bis hier alles so gut gelaufen ist …
Eine Besonderheit gibt es noch, die mir erst auf den zweiten Blick auffällt. Zunächst dachte ich, die Kirche sieht von innen durchaus eher so nach 70er-Jahre aus. Doch jetzt stelle ich fest, dass der vordere Teil, also dort wo der Altar steht, ganz alt erscheint. In meinem schlauen kleinen Büchlein lese ich später, dass die ursprüngliche Kirche, die aus dem 18. Jh. stammt, irgendwann zu klein wurde. Man hat dann einfach die Südwand aufgebrochen und einen Erweiterungsbau angefügt. Die Mischung ist wirklich interessant.

Nächster Halt: Gartenwirtschaft, die ‚Waldschenke‘. Der grüne Schirm sah schon von weitem einladend aus. Endlich bekomme ich meine kalte Cola, von der ich seit Köpfingen ‚träume‘. Klaus gönnt sich ein Radler. Und auf Anfrage macht uns die Wirtin persönlich einen sehr leckeren Wurstsalat. Da wir von hier aus ja nicht mehr weiterlaufen, tausche ich die schweren Wanderschuhe gegen meine leichten Trekkingsandalen und wir lassen es uns einfach gut gehen. Als wir gerade an einen anderen Tisch wechseln wollen, um mit dem Schatten des Schirmes zu wandern, sieht Klaus in der Ferne einen roten Hut, meint: »Die kennen wir doch!« und winkt heftig. Christine und Elisabeth gesellen sich zu uns und so können wir noch ein bisschen Abschied feiern. Wir vier hatten ja in etwa das gleiche Tempo und haben uns immer mal wieder getroffen. Zusammen reflektieren wir den gelaufenen Weg und so fühlt sich das Ganze etwas runder an ...

Irgendwann machen die zwei sich auf zu ihrem Nachquartier und wir zur vereinbarten Abholstelle. Kurt, Klaus Bruder kommt um kurz nach sieben. Als Clyde das Auto sieht, steigt er sofort ein – auch wenn er es nicht kennt. Nach dem Motto: ich will jetzt fahren, bequem und klimatisiert! Nicht mehr laufen oder im Ferrari durchgerüttelt werden.
Kurz vorher hatten wir uns noch darüber unterhalten, dass wir – also Klaus und ich - durchaus noch ein paar Tage hätten weiterlaufen können. Doch wir erkennen jetzt, spätestens morgen hätte Clyde einen Ruhetag benötigt. Für ihn ist es, glaube ich, noch anstrengender als für uns, da er ja nicht wirklich versteht, was passiert. Ich weiß, was mich erwartet, wenn ich pilgere. Ich weiß, was die Hitze ausmacht und das Erschöpft sein. Ich verstehe, warum wir in verschiedenen Unterkünften übernachten usw. Clyde dagegen möchte nur einfach bei Frauchen sein, aber warum das drumrum sein muss, kann er nicht nachvollziehen, macht eben einfach mit. Das ist, so denke ich, schon stressiger für den Hund.

Wir brauchen etwas mehr als eine Stunde für die Fahrt nach Laupheim. So nach sechs Tagen zu Fuß unterwegs kommt es mir ganz komisch vor im Auto zu sitzen. Und vor allem die Strecke so schnell zurück zu legen.

Bei Klaus zuhause heißt es dann erstmal Rucksack runter, Schuhe aus und duschen … auspacken können wir morgen noch … nur nicht so schnell mit dem Weg abschließen …

Fortsetzung folgt …